Svenja Garbade

Gender(de)konstruktionen im kindheitspädagogischen Alltag. Deutungsmuster von pädagogischen Fachkräften in der Krippe

2013- heute (Dissertationsprojekt)

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich mit Stimulated-Recall-Interviews (Dempsey 2010) in einem konstruktivistischen Grounded Theory Design (Charmaz 2014) die Deutungsmuster von pädagogischen Fachkräften in der Krippe in Bezug auf die Kategorie Geschlecht. Hintergrund ist dabei der Diskurs um Geschlechtergerechtigkeit in Kindertageseinrichtungen, die als Qualitätsdimension in vielen Bildungsplänen verankert ist. Gleichsam wird der fachliche Diskurs um die Umsetzung in Kindertagesbetreuung selbst auf die Auswahl des Fachpersonals und dessen Geschlecht reduziert (Sabla/Rohde 2013). Dies hat zur Konsequenz, dass geschlechtertheoretisch die Stereotype von Frauen* und Männern* reproduziert und somit verstärkt werden (Wetterer/Gildemeister 1992). Über die Einstellungen zu Geschlecht bei pädagogischen Fachkräften ist dabei nur wenig empirisch bekannt (Kubandt 2016). Das Projekt untersucht dabei Fachkräfte im Krippenbereich, wo die Kinder im Durchschnitt erst mit etwa drei Jahren das eigene und das Geschlecht anderer Personen sicher bestimmen können (Kasüschke 2008). Die Deutungen der Fachkräfte hinsichtlich des Geschlechts wird dabei umso relevanter, da diese Konstruktionen gestalten und alternative Angebote machen können. Über die Interviews werden die kollektiven Einstellungen und Deutungen rekonstruiert.

Die fokussierte Fragestellung, welche Deutungsmuster die pädagogischen Fachkräfte in der Krippe in Bezug auf das Geschlecht zeigen, konnte hinreichend beantwortet werden in der Studie, die Stimulated-Recall-Interviews (Dempsey 2010) mit einer konstruktivistischen Grounded Theory (Charmaz 2014) bearbeitet hat (Garbade 2020). Mit dem Deutungsmuster der pädagogischen Irrelevanzdemonstration konnte herausgestellt werden, dass unterschiedliche Mechanismen die Irrelevanz des Geschlechts bekräftigen und sicherstellen, dass die Kategorie Geschlecht im Pädagogischen nicht als zu bearbeiten relevant wird. Die Ergebnisse bieten einen Blick auf das paradigmatische Modell und die unterschiedlichen Dimensionen des Deutungsmusters. Zudem werden mit Blick auf die Ergebnisse Fragen der Professionalisierungsfolgenforschung (Neumann 2014) aufgeworfen.

Literatur
Charmaz, K. (2014): Constructing Grounded Theory. 2. Auflage. Los Angeles: SAGE.
Dempsey, N. (2010): Stimulated Recall Interviews in Ethnography. In: Qualitative Sociology, S. 349–367.
Garbade, S. (2020): Interviews und Genderkonstruktionen: Rekapitulation zu Möglichkeiten und Grenzen eines empirischen Zugangs. In: Kubandt, M./Schütz, J. (Hrsg.): Methoden und Methodologien in der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung. Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich. S. 84–106.
Neumann, S. (2014): Bildungskindheit als Professionalisierungsprojekt. Zum Programm einer kindheitspädagogischen Professionalisierungs(folgen)forschung. In: Betz, T./Cloos, P. (Hrsg.): Kindheit und Profession. Konturen und Befunde eines Forschungsfeldes. Weinheim: Beltz Juventa. S. 145–159.

Kindheit und Kindsein während der COVID-19-Pandemie: Kindliche Perspektiven auf den familiären (Bildungs-)Alltag

2020- heute (gemeinsam mit Jennifer Carnin)

Das Projekt untersucht aus kindheitstheoretischer Perspektive den familiären Alltag während der gesellschaftlichen Schließungsmaßnahmen im April 2020 im Rahmen der beginnenden Covid-19-Pandemie. Die Maßnahmen hatten große Auswirkungen auf den familiären Alltag, da die üblichen Betreuungsarrangements nicht mehr in Anspruch genommen werden konnten. Zugleich sind die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung stark eingeschränkt und erwachsene Care-Tätige sehen sich prekären Arbeitsbedingungen gegenüber, die die Verhältnisse von Erwerbs- und Carearbeit neu justieren. Das Projekt verfolgt einen partizipativen Ansatz, da die öffentlichen Diskurse zumeist ÜBER Kinder geführt werden, anstatt kindliche Perspektiven in die Lösungsfindung mit einzubeziehen. Insbesondere für junge Kinder unter 12 Jahren ist die Sprachmacht im digitalen Raum erschwert. Das Projekt versteht sich als arts-based-research und ist angelehnt an die Methode des PhotoVoice (Baker/Wang 2006). Hierzu wurden im April 2020 elf Kinder mit Kameras ausgestattet, um ihren (familiären) Alltag zu dokumentieren. Ergänzend wurden ausgewählte Interviews durchgeführt. Es liegt ein umfangreicher, diverser und ästhetisch hochwertiger Datenkorpus vor, der ästhetisch-visuelle Daten mit Interviewdaten verknüpft. Dieser wird vor einem kindheits- und praxistheoretischen Hintergrund (Honig 2018; Schatzki 2010; 1996) mittels kontruktivistischer Grounded Theory Methodology (Charmaz 2014) ausgewertet.

Literatur

Baker, T. A./Wang, C. C. (2006): Photovoice: Use of a Participatory Action Reasearch Method to Explore the Chronic Pain Experince in Older Adults. In: Qualitative Health Research, Vol. 16 No. 10, Sage Publications, S. 1405-1413.
Charmaz, K. (2014): Constructing Grounded Theory. 2. Auflage. Los Angeles: SAGE.
Honig, M.-S. (2018): Kindheit als praxeologisches Konzept. Von der generationalen Ordnung zu generationierenden Praktiken. In: Budde, J./Bittner, M./Bossen, A./Rißler, G. (Hrsg.): Konturen praxistheoretischer Erziehungswissenschaft. Weinheim: Beltz Juventa. S. 193-209.
Schatzki, T.R. (1996): Social Practices: A Wittgensteinian Approach to Human Activity and the Social. Cambridge: Cambridge Univ. Press.
Schatzki, T.R. (2010): The Time Space of Human Activity: On Performance, Society, and History as Indeterminate Teleological Events. Plymouth: Lexington Books.