Svenja Garbade

Arbeitsalltag in der Wissenschaft (Teil 2) Methoden: welche helfen mir, meinen Alltag besser zu fassen?

Kurz vorweg: Nehmt hier, was euch hilft und lasst, was euch das Leben schwerer macht. Jede Methode, die ihr anwendet muss zu euren Rhythmen passen.

Bullet Journaling aka Stifte und Papier

Ja, tatsächlich hilft mir das Konzept des Bullet Journalings (streng nach Ryder Carroll) meine Ziele und Aufgaben im Blick zu behalten. Tatsächlich habe ich lange nach einem System gesucht, das mir die Planung der oben genannten vielfältigen Tätigkeiten und Aufgaben erleichtert. Wissende Leute kennen meinen Impuls zwei- bis dreimal im Jahr den Kalender zu wechseln. Das Bullet Journal (zusammen mit einem digitalen Kalender) helfen mir den Überblick optimal zu behalten. Die reflexiven Anteile, die beim Übertragen angedacht sind, sind äußerst hilfreich Beruf und Privates zu verbinden, bei sich selbst zu bleiben und nicht im To-Dos-produzierenden Wissenschaftssystem unterzugehen. Dabei ist Funktionalitäit besonders wichtig. Das Rapid Logging ermöglicht sowohl Aufgaben als als Projekte kurz zu notieren. Die Collections sind hilfreich Artikel oder Lehrveranstaltungen zu planen. Dabei macht es mir viel Freude den Aufbau einer Seite zu entwickeln, es verbindet also Formen der Kreativität, die für Forschung und Lehre enorm wichtig sind, ist dabei aber maximal effektiv, wenn das Bullet Journal regelmäßig gepflegt wird.

Citavi oder eine andere Art des Wissensmanagements

Wenn ich lese und schreibe passiert dies häufig in verwandten Themenbereichen. Diese Informationen zu sammeln und aufzuschreiben mag mühsam erscheinen, ja nahezu nach einer Zeitverschwendung klingen. Jedoch möchte ich darauf verweisen, wie praktisch es ist, wenn zumindest rudimentär Notizen, die einst angefertigt wurden, erneut verfügbar sind, wenn ein neuer Artikel ansteht. Zudem finde ich in der Regel den Text nicht wieder. Durch das Einbinden von Dateien in ein Wissensmanagement- oder Literaturverwaltungsprogramm kann ich einen Text, den ich brauche aufrufen und kurz hineinlesen. Das reduziert auch den Papierverbrauch. In Verbindung mit einem Textverarbeitungsprogramm und einem möglichen Add-In ist dies ein guter Weg zu einer schnell verfügbar gemachten Wissensbasis. Ob hierzu nun Zotero, Citavi oder andere Wissensorganisationstools verwendet werden, ist Geschmackssache und eine Frage der Bedürfnisse. Hier können YouTube-Tutorials helfen, einen Überblick zu geben.

Pomodoro Technik

Ich kann viel effektiver arbeiten, wenn ich für ein bestimmtes Thema nur noch eine gewisse Zeitspanne habe, geht euch das auch so? Die Pomodoro-Technik wurde von Francesco Cirillo entwickelt und beschreibt einen Arbeitsrhythmus. Ein Timer wird auf 25 Minuten gestellt. Ihr legt vorher fest, welche Aufgaben zu erledigen sind und wie viele Slots ihr für einzelne Aufgaben heute reservieren wollt. Ihr könnt beliebig operationalisieren und die große Aufgabe vorher in kleinere Schritte aufteilen. Das mache ich aber selten – die Ungeduld… Ihr arbeitet also 25 Minuten an der Aufgabe und macht danach 5 Minuten Pause, erneut mit Timer. Da heißt es aufstehen, herumgehen, was essen. Dann startet der nächste Block mit 25 Minuten. Ich wende diese Methode nicht jeden Tag auf alles an. Aber wenn das Schreiben oder auch Planen ins Stocken gerät, kann ein bisschen Zeitdruck erstens die Überwindung vor dem Starten erleichtern und zweitens für die nötige Fokussierung sorgen.

Ruhezeiten, Reflexion und Kollektivierung

Tolle Methode denkt ihr euch jetzt. Ja, es ist keine richtige Methode. Eher eine Philosophie, die euch unterstützen kann, nicht im dauerhaft herausfordernden Wissenschaftsfeld zu versacken und sich unnütz zu fühlen. Tatsächlich gehören bei dem Arbeitspensum auch Tage dazu, in denen ich nichts produktives schaffe. Dann entstehen wiederum Zeiten für Hobbys oder andere Projekte, die ich gern nutze. Tatsächlich kann ich nach ein paar Stunden Leerlauf im Kopf feststellen, dass die Lösungen meiner aktuellen Fragen sehr viel näher liegen. Als ob mein Kopf allein daran weiter gearbeitet hätte. Zudem ist bei Arbeitsblockaden das Gespräch mit Kolleg*innen/Freund*innen äußerst hilfreich. Hierzu benötigt es ein gutes Netzwerk an Gleichgesinnten, die sich gegenseitig darin unterstützen und immer auch gern eine emotionale Hand reichen, um aus dem Tal des Zweifelns wieder herauszukommen. Diese Form der Kollektivierung halte ich auch in Gruppen für äußerst sinnvoll. Ihr seid nicht zufrieden mit eurem Kolloquium? Gründet eins und legt eure eigenen Regeln fest. Ihr fragt euch, wie andere Nachwuchswissenschaftler*innen [sic] ihren Alltag bewältigen? Sucht den Austausch, z.B. auf Research Gate oder anderen sozialen Netzwerken, auf Tagungen oder im Kollegium. Ihr seid nicht allein. Und es ist okay Reflexion mit anderen zu kultivieren.

Selbstfürsorge steht nicht an letzter Stelle

Und damit meine ich nicht die Selbstoptimierung, wie sie auf Pinterest, Instagram oder Facebook gezeigt wird. Ja, ich mag Methoden der Arbeitsorganisation und ich finde den Austausch darüber sehr wichtig. Insbesondere deswegen, weil wir in der Wissenschaft oft nur die Ergebnisse (Artikel, Vorträge, Sammelbände) sehen, die die Beschäftigung mit dem Thema hervorbringen. Wie genau die Person zu diesen Ergebnissen kommt, wie oft diese frustriert sind und welche Methoden ihnen helfen dies zu überwinden, wird nicht gezeigt. Dies kommt in den Austauschgruppen des wissenschaftlichen Nachwuchses zur Sprache und doch finden diese Inhalte keinen öffentlichen Raum. Als ob es schwach aussieht, wenn wir zögern und nicht immer genau wissen, wo lang der Weg geht. Tatsächlich ist mein Eindruck, dass Wissenschaft genau dieser Umstand immanent ist. Es gibt aber unterschiedliche Wege damit umzugehen, die typabhängig sind. Dennoch sollte immer im Mittelpunkt stehen: Egal wie sehr ihr zweifelt oder gerade strauchelt, das hat nichts mit eurem Wert als Mensch, nicht mal als Wissenschaftler*in zu tun. Es gehört dazu und die Dekonstruktion eurer Forschung macht euch nicht weniger professionell, sondern kann produktiv Fragen aufwerfen. Selbstfürsorge, also das Sorgen dafür, dass ihr euch selbst mögt und einen ausgeglichenen Alltag habt, ist damit die Grundvoraussetzung für Wissenschaft, auch wenn das im Zeitdruck oft untergeht.